Auch der mutmaßliche Täter der Brandanschläge auf Flensburger Parteibüros soll Verbindungen zur AfD haben

Die Serie rechter Brandanschläge am Osterwochenende 2026 in Flensburg und Kiel auf einen linken Infoladen und diverse Parteibüros hatte im Bundesland für Bestürzung gesorgt. Nach Recherchen von DER SPIEGEL soll der mutmaßliche Täter Mitglied der AfD sein.

In der Nacht vom 05. auf den 06. April. wurden in Flensburg und Kiel die Parteibüros mehrerer Parteien und ein linker Infoladen zunächst mit Farbe besprüht und in der darauffolgenden Nacht flogen Brandsätze gegen die Büros der Parteien SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke in Flensburg. Nach einer Öffentlichkeitsfahndung der Polizei und eingehenden Hinweisen aus der Öffentlichkeit wurden am vergangenen Wochenende Hinweise auf einen Tatverdächtigen durch antifaschistische Recherchen bekannt. Wie DER SPIEGEL berichtet, handelt es sich beim mutmaßlichen Täter um ein ehemaliges Mitglied der Partei „Die Basis“, das vor kurzem in die AfD gewechselt sei.

Wenn sich die SPIEGEL Recherchen als zutreffend herausstellt, wäre dies nicht der erste rechte Angriff in Schleswig-Holstein, bei dem der Täter Mitglied der AfD ist“ so Felix Fischer, Berater beim Zentrum für Betroffene rechter Angriffe (zebra).

Bereits vor über fünf Jahren, am 17. Oktober 2020, fuhr ein damaliges AfD-Parteimitglied am Rande einer AfD-Veranstaltung in den Gegenprotest und verletzte vier Antifaschist*innen teilweise schwer.Seitdem beobachten wir fortlaufend, wie sich Täter*innen im Zuge rechter Angriffe positiv auf die AfD beziehen, etwa wenn sie den Betroffenen während des Angriffes sagen ‘Wenn die AfD kommt, seid ihr weg‘“, so Fischer weiter.

Nur die wenigsten Taten werden dabei presseöffentlich, nicht alle Angriffe, von denen die Beratungsstelle Kenntnis hat, können veröffentlicht werden. Eine Chronik der Angriffe aus den letzten 2 Jahren, die veröffentlicht werden können, zeichnet bereits ein erschreckendes Bild:

  • Juni 2024: Ein Flüchtlingsbeauftragter erhielt am Abend der Europawahl, bei der die AfD die zweitmeisten Stimmen erhalten hatte, zwei anonyme Drohanrufe. In diesen wurde er mit den Worten „Wir sind so stark geworden, dass wir solche Volksverräter wie dich jetzt kriegen werden“ und „Wir werden dich jetzt jagen gehen“ bedroht.
  • Februar 2025: In einem Drohschreiben, das an einen Probst, mehrere Landespolitiker*innen und Medien versendet wurde, verwenden die Täter*innen im Briefkopf das Logo der AfD.
  • Februar 2025: Zwei Täter*innen greifen einen Wahlkampfstand der Partei „Die Linke“ in Flensburg an und beziehen sich während des Angriffs positiv auf die AfD.
  • November 2025: Unbekannte brechen in das Autonome Jugendhaus in Bargteheide ein, entleeren eine Feuerlöscher und schmieren Hakenkreuze sowie „AfD“ an die Wände.

Aus unserer Arbeit kennen wir sowohl die potenziellen als auch die realen Auswirkungen auf die Betroffenen vor Ort: Viele Betroffene fühlen sich in ihrem Alltag extrem unsicher. Sie verzichten darauf alternative Freizeitangebote wahrzunehmen, überdenken ihr politisches Engagement und stellen es unter Umständen sogar ein,“ erklärt Felix Fischer weiter.

Mitglieder der AfD und insbesondere ihrer Jugendorganisation „Generation Deutschland“ agieren immer wieder als Stichwortgeber*innen rechter Raumnahme-Versuche. So posierten Mitglieder der Generation Deutschland in diesem Jahr vor dem AJZ in Neumünster und ein AfD-Kommunalpolitiker ließ sich mit rechten Szenecodes vor dem bereits in Teilen abgebrannten Autonomen Jugendhaus in Bargteheide fotografieren.

Als Social Media Content verbreitet und vermarktet, werden diese Orte diskreditiert und als Feindbilder markiert. Es wird eine Botschaft gesendet, die aller Voraussicht nach bei den Follower*innen der Parteimitglieder ankommt,“ analysiert Fischer.

Aber nicht nur Rückzugsräume nichtrechter Jugendlicher sowie Orte politischer Organisierung wurden in der Vergangenheit als potenzielle Angriffsziele markiert.

Der gleiche AfD-Kommunalpolitiker stand für ein mittlerweile gelöschtes YouTube-Video mit dem extrem rechten Österreicher Martin Sellner im Frühjahr 2025 vor der Geflüchteten-Unterkunft in Bad Segeberg. Drei Monate später wurde dort von Unbekannten eine Bombenattrappe an der Eingangstür des Speisesaals der Unterkunft abgelegt. „Ob in diesem Fall das Markieren den Tatentschluss befördert hat, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, der Fall steht aber exemplarisch für die möglichen Auswirkungen einer AfD Propaganda,“ stellt Felix Fischer klar.

Ziel solcher Einschüchterungen, Markierungen und Angriffe ist es, alle, die nicht in ein rechtes Weltbild passen, soweit einzuschüchtern, dass sie sich nicht mehr trauen, am politischen Diskurs teilzunehmen, und aufhören, sich gegen die extreme Rechte zu stellen.

Der kontinuierlich steigende Druck auf nichtrechte Jugendliche – insbesondere in der Fläche des Landes – hat bereits jetzt stellenweise zur Folge, dass demokratische Zivilgesellschaft und Infrastruktur für nichtrechte Jugendliche soweit zurückgedrängt werden, dass die extreme Rechte anfängt, ganze Sozialräume zu dominieren. Verstärkt wird diese Dynamik durch Kürzungen öffentlicher Mittel zur kommunalen Demokratieförderung und zur Prävention rechter Radikalisierungsdynamiken“, konstatiert Fischer weiter.

Es ist dringend geboten, diesen rechten Raumnahme-Versuchen, die offenbar immer gewalttätiger durchgesetzt werden, etwas entgegenzusetzen:

Egal ob Autonomes Jugendhaus oder Parteibüro – als Betroffene rechter Angriffe verdienen alle die Solidarität einer demokratischen Gesellschaft. Zudem dürfen wir Schleswig-Holstein nicht als die Insel der Glückseeligkeit im Meer rechten Straßenterrors verklären: Die Dynamiken, die wir hier in den letzten Jahren beobachten, sind geeignet, Zustände zu befördern, die manche fälschlicherweise nur in Freital, Cottbus oder Görlitz für möglich halten“, so Fischer abschließend.

Die Pressemitteilung stellt keine Meinungsäußerung des BMBFSFJ bzw. des BAFzA sowie des Ministeriums für Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport des Landes Schleswig-Holstein und des Landesdemokratiezentrums dar. Für inhaltliche Aussagen trägt der oder die Autor*in bzw. tragen die Autor*innen die Verantwortung.

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