LIDA-SH
Monitoring 2024

Nun, nach drei Jahren Dokumentation antisemitischer Vorfälle, haben wir begonnen ein neues, digitales Format zu entwickeln, das Interessierten nicht nur einen besseren Zugang zu der von uns geschaffenen empirischen Basis über antisemitische Vorfälle in Schleswig-Holstein und den darauf getroffenen Einschätzungen, sondern auch zu notwendigen und weiterführenden Informationen über das Erfassungssystem von LIDA-SH sowie zu jüdischen Perspektiven auf Antisemitismus bieten wird.

Diese Auswertungsseite ist dabei der erste Schritt in der Entwicklung eines gänzlich neuen Formats. Ausgehend von dieser Auswertung der dokumentierten antisemitischen Vorfälle für das Jahr 2021 wollen wir kontinuierlich notwendige Funktionen und geeignete Darstellungsformate explorieren und sukzessive umsetzen. In diesem Prozess werden wir sowohl vom White Title Studio als auch vom Science Communication Lab unterstützt.

DAS PROJEKT

LIDA-SH ist die unabhängige Dokumentationsstelle für antisemitische Vorfälle in Schleswig-Holstein. Wir dokumentieren antisemitische Vorfälle und werten sie strukturiert aus. Unser Ziel ist es Ausmaß, Formen und Schwerpunkte des Phänomens zu erheben. In unserer Arbeit orientieren wir uns an internationalen Standards.

Alle, die von einem antisemitischen Vorfall mitbekommen haben, können sich an LIDA-SH wenden. Sowohl Betroffene, Angehörige und Bekannte von Betroffenen als auch Zeug_innen.

LIDA-SH erfasst auch Vorfälle, die (noch) nicht bei der Polizei angezeigt wurden oder keinen Straftatbestand erfüllen. Informationen werden von uns grundsätzlich vertraulich behandelt. Wir verwenden Daten ausschließlich in anonymisierter Form, die keine Rückschlüsse auf natürliche Personen zulässt.

DIE DOKUMENTATION

Antisemitismus als alltägliches Phänomen manifestiert sich in unterschiedlichster Form und Intensität

Dabei ist die Dokumentationsstelle zentral auf konkrete Hinweise auf antisemitischen Vorfällen angewiesen. Gibt es Hinweise auf einen antisemitischen Vorfall in öffentlich zugänglichen Medien, wie etwa Zeitungen oder Polizeimeldungen,

recherchieren wir alle notwendigen Informationen proaktiv. Werden Vorfälle nicht öffentlich bekannt, sind wir darauf angewiesen, dass Personen, die von einem antisemitischen Vorfall wissen, sich auch bei LIDA-SH melden.

Wie viele Vorfälle LIDA-SH dokumentiert, ist demnach nicht nur von der tatsächlichen Anzahl antisemitischer Vorfälle, sondern von vielen weiteren Faktoren – wie etwa den Bekanntheitsgrad der Dokumentationsstelle, die Sensibilität von potentiellen Melder_innen für Antisemitismus oder das Vertrauen von Melder_innen in die Dokumentationsstelle – abhängig.

Antisemitische Vorfälle, die LIDA-SH bekannt wurden, werden in einem strukturierten Prozess – häufig im Austausch mit Meldenden – auf Plausibilität geprüft und anschließend strukturiert erfasst. LIDA-SH erhebt zu jedem Vorfall im Rahmen des Möglichen Informationen auf vier Ebenen:

1. Charakteristika des Vorfalls

2. Ort und Kontext des Vorfalls

3. Informationen zu Betroffenen/Adressierten

4. Informationen zu Täter_innen/Verantwortlichen

5. Informationen zur Meldung

DIE AUSWERTUNG

Neben der Dokumentation antisemitischer Vorfälle gehört die Auswertung der erhobenen Vorfälle zu den zentralen Aufgaben der Dokumentationsstelle. Im Rahmen des communitygestützten Ansatzes bezieht LIDA-SH unterschiedliche jüdische Perspektiven aus Schleswig-Holstein kontinuierlich in die eigene Arbeit, insbesondere aber in den Auswertungsprozess, aktiv mit ein. Unser Dank gilt an dieser Stelle denjenigen, die uns in den letzten Jahren an ihren Perspektiven haben teilhaben lassen.

Die Ergebnisse dieser Auswertungsprozesse macht LIDA-SH jährlich der Öffentlichkeit zugänglich. Für die Jahre 2019 und 2020 sind dabei zwei Broschüren entstanden, in denen die empirischen Erkenntnisse und die darauf aufbauenden Analysen zum Phänomen Antisemitismus in Schleswig-Holstein vorgestellt werden. Diese können hier eingesehen werden.

DIE EMPIRISCHE BASIS

Ausgangspunkt unserer Analysen sind die für ein Jahr dokumentierten antisemitischen Vorfälle. Demnach beziehen sich sämtliche Aussagen zu aktuellem Ausmaß und Struktur, sowie zu Veränderungen und Verschiebungen immer nur auf die von LIDA-SH dokumentierten Vorfälle. 

Auch wenn wir mit einem niedrigschwelligen Angebot die bestehenden Hemmschwellen bei der Meldung von Vorfällen senken können und kontinuierlich am Ausbau unseres Meldenetzwerkes arbeiten, müssen wir doch davon ausgehen, dass auch die von uns dokumentierten Vorfälle nur einen Ausschnitt des tatsächlichen alltäglichen Antisemitismus erfassen. Unsere Ergebnisse können das sogenannte Dunkelfeld also ein Stück weit erhellen – gänzlich auflösen lässt es sich nie.

Zusammenfassung antesemitischer Vorfälle im Bundesland

Auch in Schleswig-Holstein ist Antisemitismus ein komplexes Phänomen, das sich in unterschiedlichster Form und Intensität ausdrückt. Für das Jahr 2024 hat LIDA-SH mit 588 Fällen (2023: 120) einen nochmal deutlicheren Anstieg verzeichnet. Diese Fallzahl ist die höchste seit der Gründung von LIDA.

Im Schnitt mussten damit mehr als elf Vorfälle pro Woche im Bundesland Schleswig-Holstein dokumentiert werden.

Das hohe öffentlich wahrnehmbare Aufkommen hat verschiedene antisemitische Ausdrucksformen und Kontexte, die im Folgenden detailliert erklärt werden.

Die Struktur der dokumentierten Vorfälle verweist zudem auf ein massives Dunkelfeld antisemitischer Vorfälle: Es muss davon ausgegangen werden, dass nur ein Bruchteil der Vorfälle auch von LIDA-SH dokumentiert werden konnten.

DELIKTQUALITÄT

Der Großteil der dokumentierten Fälle befindet sich, ähnlich wie in den Vorjahren, unterhalb der Angriffsschwelle, wobei die Fälle, bei denen von einem erhöhten Gefährdungspotenzial auszugehen ist, sich erneut deutlich gesteigert haben. Damit setzt sich die Entwicklung aus 2023 fort. Die aktuellen Zahlen lassen die Vermutung zu, dass sich diese Tendenz auch in 2025 fortsetzen wird.

→ EBENE 1

BETROFFENE

Anschließend an das vergangene Jahr konnte in 2024 weiterhin eine vermehrte direkte Adressierung von Personen und Institutionen verzeichnet werden. Im Vergleich zum Vorjahr wurden erneut deutlich mehr Vorfälle dokumentiert, in denen Jüdinnen und Juden gezielt mit Vorfällen konfrontiert sind. Auch Orte des jüdischen Lebens werden immer öfter direkt mit Antisemitismus adressiert. Diese Vorfälle passieren nicht im luftleeren Raum oder in Randgruppen. Sie finden vielmehr in allen Bereichen der Gesellschaft statt und sind somit Ausdruck des gesamtgesellschaftlichen Klimas, in dem gezielte Angriffe gegen jüdischen Leben erst möglich werden.

→ EBENE 3

ORT

Antisemitische Vorfälle wurden für 2024 in nahezu allen Landkreisen dokumentiert, wobei der Großteil der Vorfälle in Kiel berichtet wurde. Derartige Vorfälle k.nnen in vielfältigen Kontexten auftreten, allerdings gab es einen deutlichen Anstieg an Vorfällen in Arbeitsstätten. Die Fallzahl an Schulen hat sich sogar verdoppelt. Vorfälle im persönlichen Nahraum halten sich weiterhin konstant, was besondere Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl von Betroffenen in ihrem Alltag haben kann.

→ EBENE 2

ERSCHEINUNGSFORM

Beim Betrachten der dokumentierten Fälle wird deutlich, dass der israelbezogene Antisemitismus weiterhin einen deutlichen Anstieg verzeichnet und die Form mit den meisten Ausprägungen ist. Die Tendenz aus dem Vorjahr setzt sich also fort. Die bemerkenswerten Verschiebungen, auf die wir bereits im letzten Jahr aufmerksam gemacht haben, verweist erneut auf die Bedeutung von Gelegenheitsstrukturen. Diese Strukturen begünstigen erst diese Vorfälle und antisemitischen Äußerungen in öffentlichen Raum und werden unter anderem durch Social-Media- Kampagnen und Versammlungen gestärkt.

→ EBENE 1

MELDUNG

Die Anzahl der durch die Ermittlungsbehörde erfassten antisemitischen Straftaten ist deutlich angestiegen, ähnlich wie unsere Zahlen, wobei wir nur von einer geringen Schnittmenge ausgehen können. Dieser Befund erklärt weiterhin die Bedeutung einer zivilgesellschaftlichen Erfassung antisemitischer Vorfälle auch unterhalb der Grenze zur Strafbarkeit, er deutet auch erneut auf ein immenses Dunkelfeld von antisemitischen Vorfällen in unserer Gesellschaft hin.

→ EBENE 5

EBENE 1

Deliktqualität

DELIKTQUALITÄT 2024

DELIKTQUALITÄT NACH MONATEN 2024

Die Bandbreite der dokumentierten antisemitischen Vorfälle ist erheblich, die Zahl der antisemitischen Vorfälle steigt massiv im Vergleich zu den vorherigen Jahren. Antisemitismus manifestiert sich weiterhin allzu oft in verletzendem, aber alltäglichem Verhalten und wird vermutlich deutlich häufiger vorkommen, als uns gemeldet wird.

Seit dem Terrorangriff der Hamas und anderer Organisationen am 7. Oktober 2023 wurden verstärkt Vorfälle jeglicher Art registriert, was auch weiterhin den deutlichen Anstieg von dokumentierten Fällen im Jahr 2024 erklärt.

Von der Deliktqualität lässt sich nicht unmittelbar auf die Auswirkungen schließen, die ein antisemitischer Vorfall haben kann. Mit den potentiellen Auswirkungen antisemitischer Vorfälle beschäftigt sich die Auswertungsbroschüre aus dem Jahr 2019 sowie die Publikation unseres Bundesverbandes.

Die Verteilung über das Jahr hinweg lässt keine Auffälligkeiten erkennen, allerdings können verstärkt seit März Aufkleber im Raum Kiel dokumentiert werden. Wie in den vorangegangenen Jahren, war es nötig, für diese Vorfallbündel ein eigenes System zur Dokumentation zu entwickeln, da diese anders als die sonstigen Fälle sind und in sehr hoher Zahl gemeldet werden.

Ab Dezember gab es nochmals einen deutlichen Anstieg von Meldungen, auch weil zu diesem Zeitpunkt eine Bedrohungskampagne gegen eine israelsolidarische Person durchgeführt wurde. Die betroffene Person wurde im Zuge der Kampagne als Zionist markiert und durch Aufkleber mit der Wohnadresse in ganz Kiel als Ziel markiert. Auch hier wurde wieder mit Vorfallbündeln gearbeitet, wobei die Fälle aufgrund der konkreten Ansprache einer Person und der Veröffentlichung der persönlichen Daten als Bedrohung eingestuft wurden.

Dokumentierte Vorfälle, die mit einem erhöhtem Gefährdungspotential für Betroffene einhergehen, bleiben auch 2024 auf einem hohen Niveau. Es zeigt sich, dass das antisemitische Grundrauschen ohne weiteres in Gewalttaten umschlagen kann. Zudem kann ein deutlicher Anstieg an Bedrohungen (2023: 3; 2024: 59) und Sachbeschädigungen (2023: 9; 2024: 16) in diesem Zusammenhang dokumentiert werden.

Auch solche Vorfälle finden nie in einem luftleeren Raum statt – die antisemitische Grundstimmung, welche LIDA-SH seit 2019 dokumentiert, muss vielmehr als Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung verstanden werden, in der gezielte Sachbeschädigungen, Bedrohungen und Angriffe erst möglich werden.

LIDA-SH unterscheidet je nach Art und Schwere des Vorfalls sechs verschiedene Deliktqualitäten. Diese Typen wurden ursprünglich vom Community Security Trust (CST) in Großbritannien entwickelt und zunächst von RIAS Berlin und dann von LIDA-SH für den deutschen Kontext angepasst.

LIDA-SH unterscheidet zwischen folgenden Deliktqualitäten:

  • Verletzendes Verhalten
  • Massenzuschrift
  • Sachbeschädigung
  • Bedrohung
  • Angriff
  • Extreme Gewalt

EBENE 1

Erscheinungsformen

ERSCHEINUNGSFORM 2019–2024

ISRAELBEZOGENER ANTISEMITISMUS
VON AUGUST 2023 BIS DEZEMBER 2024

Erneut ist der israelbezogene Antisemitismus die vorrangigste dokumentierte Erscheinungsform und zeigt sich oft in Kombination mit anderen Erscheinungsformen.

Für diese Auswertung dokumentieren wir immer eine Erscheinungsform pro Vorfall. Genaueren Aufschluss über die Verschränkungen bundesweiter Vorfälle gibt es hier in dem Jahresbericht des Bundesverbands RIAS.

Ein Großteil der dokumentierten Vorfälle, die dieser Erscheinungsform zuzuordnen sind, besteht aus antisemitischen Beleidigungen und dem Verbreiten von israelfeindlichem Propagandamaterial und wird als „verletzendes Verhalten“ ausgewiesen. Hier werden vermehrt Vorfälle im Kontext von Demonstrationen, aber auch in sozialen Umgebungen wie Schulen oder Geschäftsstellen gemeldet. So werden nicht nur die meisten antisemitischen Vorfälle im Bereich des israelbezogenen Antisemitismus dokumentiert, sondern auch die Mehrheit der Angriffe und Bedrohungen finden mit dieser Erscheinungsform statt.

Die dokumentierten Vorfälle des Post-Shoa Antisemitismus bleiben weiterhin konstant, das antisemitische Othering nimmt an Häufigkeit zu und der moderne Antisemitismus verbleibt weiterhin auf einem Niveau, mit dem wir keine relevanten Analysen durchführen können.

Monatlich können im Schnitt in allen Erscheinungsformen 49 Fälle dokumentiert werden, wobei manche Monate von diesem Durchschnitt abweichen. So liegen die Monate Januar bis März unterhalb, November und Dezember deutlich über dem Durchschnitt.

Anders ist dies im Bereich des israelbezogenen Antisemitismus, bei dem im April, Juli und August Schwerpunkte verzeichnet werden konnten, was der allgemeinen Verteilung dieser Struktur sonst weiterhin entspricht.

Wie die Verschiebungen sowohl alljährig als auch innerhalb der Jahre deutlich zeigen, ist die Struktur und Verbreitung antisemitischer Vorfälle in hohem Maße von Gelegenheitsstrukturen abhängig.

Analytisch lässt sich feststellen, dass diese einen exogenen Anlass haben, der begleitet von umfassenden Social-Media-Kampagnen und Versammlungen auf der Straße erst die Möglichkeitsr.ume schafft, sich unverhohlen und öffentlich wahrnehmbar antisemitisch zu äußern.

Antisemitismus drückt sich in vielfältiger Art und Weise aus. Diese Kategorie erfasst welche Erscheinungsform des Antisemitismus in dem Vorfall zum Ausdruck kommt. Oft sind die Erscheinungsformen, in denen der Antisemitismus zum Ausdruck kommt in der Praxis miteinander verwoben. Bei dieser Differenzierung handelt es sich um eine kategorial-analytische Trennung in der erfasst wird, welche Erscheinungsform vordergründig ist.

LIDA-SH unterscheidet zwischen folgenden Erscheinungsformen:

  • Antijudaistischer Antisemitismus
  • Israelbezogener Antisemitismus
  • Moderner Antisemitismus
  • Othering
  • Post-Shoa-Antisemitismus

„Es muss nicht immer körperliche Gewalt sein, um ein Zuschnüren der Kehle, der eigenen Kehle zu merken, und das gibt es zuhauf.“

RIASbund (2023), S. 25

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EBENE 2

Landkreise

VERTEILUNG LANDKREISE 2024

Im Jahr 2024 hat LIDA-SH bis auf zwei Landkreise in allen kreisfreien Städten sowie Landkreisen in Schleswig-Holstein antisemitische Vorfälle dokumentiert.

Auch in diesem Jahr wurde der Großteil der Vorfälle (504 von 588) in Kiel verzeichnet. Anders als die Zahlen vermuten lassen, bedeutet dies nicht unbedingt, dass sich in Kiel deutlich mehr antisemitische Vorfälle als andernorts ereignen. Die Fülle der dokumentierten Vorfälle deutet zunächst auf einen hohen Grad der Vernetzung und damit auf die Bekanntheit des Angebots von LIDA-SH hin. Auch die infrastrukturellen Gegebenheiten der Großstadt, mitsamt der Fülle der hier ansässigen Institutionen und des damit einhergehenden Netzwerks, bieten hier einen Erklärungsansatz.

Auch in diesem Jahr kam es im Landkreis Rendsburg- Eckernförde erneut zu einer auffälligen Häufung von dokumentierten Vorfällen, wobei ein deutlicher Anstieg festzustellen ist (2024: 30, 2023: 20).

Besonders häufig treten diese Vorfälle in Form von israelbezogenem  Antisemitismus auf.

Unter Ort wird der Landkreis (oder die Kreisfreie Stadt), in dem sich der Vorfall ereignet hat angegeben. Dies Erfassung der Landkreise ist hilfreich um „weiße Flecken“ erkennen zu können und Hotspots antisemitischer Vorfälle lokalisieren zu können. Die Angabe der konkreten Straße kann zudem hilfreich sein um zu überprüfen, ob ein Vorfall möglicherweise bereits dokumentiert wurde. Eine weiterführende Erfassung des Ortes, an dem sich ein Vorfall ereignet hat, wie Stadt und Straße, wird nach Möglichkeit wird zwar durchgeführt, aber zum Schutz der Anonymität von Meldenden und Betroffenen nicht veröffentlicht. Die Erfassung ist dennoch notwendig, da so sichergestellt werden kann, dass Vorfälle – wie zum Beispiel eine Sachbeschädigung im öffentlichen Raum – nicht mehrfach dokumentiert wird.

EBENE 2

Sozialer Raum

VERTEILUNG SOZIALER RAUM 2024 
(aufgeteilt nach Lokalität)

Die Struktur der dokumentierten antisemitischen Vorfälle zeigt, dass derartige Vorkommnisse nahezu überall und in vielfältigen Kontexten auftreten können. Auch in diesem Jahr konnten wir besonders einen Anstieg der gemeldeten Vorfälle an Arbeitsstätten dokumentieren.

Ein Großteil davon betrifft weiterhin ein Vorfallbündel in einer Geschäftsstelle in Rendsburg. Zusätzlich waren es auch zahlreiche Massenzuschriften, die an verschiedene Geschäftsstellen gerichtet wurden.

Auffällig ist zudem, dass sich die Zahl der dokumentierten Vorfälle im schulischen Kontext verdoppelt hat. Im Vergleich zum Vorjahr ereigneten sich die Vorfälle besonders häufig direkt im Klassenraum.

Im Jahr 2024 wurde ein leichter Anstieg dokumentierter antisemitischer Demonstrationen verzeichnet. Auch hier zeigt sich ein zu differenzierendes Ausmaß: Während im vergangenen Jahr noch deutlich häufiger Vorfälle am Rande von Kundgebungen dokumentiert wurden, ist deren Zahl in diesem Jahr deutlich zurückgegangen. Kundgebungen, bei denen es zu antisemitischen Äußerungen kam, führten jedoch weiterhin zu einem Anstieg der gemeldeten Vorfälle. So mussten insgesamt mehr Vorfälle im Kontext von Demonstrationen jeglicher Art dokumentiert werden als im Vorjahr.

Weiterhin wurden antisemitische Vorfälle dokumentiert, die sich an einem geschützten Ort ereignet haben – also in einem Bereich oder Umfeld, in dem Personen sich sicher und vertraut fühlen sollten. Auch wenn sich die dokumentierten Vorfälle an einem geschützten Ort im Vergleich zum Vorjahr halbiert haben, sind die registrierten Vorfälle im direkten Wohnumfeld im Jahr 2024 nur leicht zurückgegangen – und bleiben damit auf nahezu konstantem Niveau. Gerade Vorfälle im persönlichen Nahraum können das Sicherheitsgefühl von Betroffenen massiv beeinträchtigen.

Grundsätzlich verweist die Vielfältigkeit der sozialen Kontexte und Lokalitäten, an denen antisemitische Vorfälle dokumentiert wurden, auf die Allgegenwärtigkeit von Antisemitismus: Nahezu überall kann mit Antisemitismus konfrontiert werden.

Unter Tatkontext/sozialer Raum wird der soziale Kontext in dem ein Vorfall stattfindet, erfasst. Gerade im Hinblick auf Vorfälle, die im Internet stattfinden bzw. über das Internet vermittelt sind, erscheint eine solche Differenzierung notwendig: Wenn beispielsweise Personen in einer geschlossenen Chatgruppe einer Schulklasse antisemitische Memes verbreiten, so ereignet sich dieser Vorfall zwar online, hat aber gleichzeitig einen eindeutigen Bezug zu der jeweiligen Schulklasse und damit zum sozialen Raum Schule.

„Dieses antisemitische Grundrauschen in der Gesellschaft führt dazu, dass es für uns Juden schwer ist, ein normales Leben zu führen. Die Sorge davor, dass man immer und überall mit Antisemitismus konfrontiert werden kann, beunruhigt viele Juden massiv. Von außen kann man nicht sehen, was im Inneren von vielen von uns vor sich geht.“

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EBENE 3

Adressierung

ADRESSIERUNG 2019–2024

ADRESSIERUNG 2019–2024
JÜDINNEN, JUDEN UND JÜDISCHE INSTITUTIONEN

Der Trend, dass sowohl Einzelpersonen als auch Institutionen zunehmend betroffen sind, setzt sich auch im Jahr 2024 fort. Besonders die vermehrten Vorfallbündel spielen hierbei eine zentrale Rolle und führten zu einem Anstieg der Adressierung von Personen. Zudem lässt sich eindeutig feststellen, dass Institutionen immer häufiger Massenzuschriften melden.

Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass Gedenkinitiativen, insbesondere Stolpersteine, zunehmend Ziel von Sachbeschädigungen werden. Immer häufiger werden uns zudem Vorfälle bekannt, in denen Jüdinnen und Juden oder jüdische Institutionen direkt mit Antisemitismus konfrontiert sind. Eine Entwicklung, die sich bereits im letzten Auswertungszeitraum andeutete.

Unter Adressierung wird erfasst, ob sich ein Vorfall gegen eine bestimmte Person, Gruppe oder Institution richtet, um wen es sich dabei ggf. handelt und ob diese Person direkt adressiert wird. So ist beispielsweise die Schmiererei „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“ an einer Bushaltestelle eindeutig antisemitisch und gegen Juden gerichtet. Allerdings wird dabei weder eine konkrete Person noch eine Institution direkt adressiert. Im Unterschied dazu richtet sich die Verwendung des Ausspruchs „Du Jude“ als Beleidigung gegen eine konkrete Person.

Sofern in einem Vorfall eine Person oder Institution direkt adressiert wird, erfasst LIDA-SH auch in welchem Verhältnis Adressierte zu Täter_innen bzw. Verantwortlichen stehen.

„Es kommt vor, dass ich, weil ich Jüdin bin, als Israelin wahrgenommen und in die Rolle gedrängt werde, für die israelische Regierung Rechenschaft abzulegen. Das ist nicht immer böse gemeint und dennoch ist es eine Gedankenlosigkeit, die ich im Fundus unserer Gesellschaft registriere.“

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EBENE 4

Verantwortliche 
und Täter_innen

VERH.LTNIS ADRESSIERTE ZU TÄTER*INNEN/ VERANTWORTLICHE 2024

Dokumentierte Vorfälle für das Jahr 2024, die dem antiisraelischen Aktivismus als auch dem verschwörungsideologischen Milieu zugeordnet werden mussten, haben sich nahezu verdoppelt.

In der Regel kennen sich Betroffene und Täter*innen nicht, typisch für solche Zuschreibungstaten.

Dass die Mehrheit der Vorf.lle weiterhin keinem spezifischen Milieu zugeordnet werden kann, liegt vor allem daran, dass nicht treffsicher eingeschätzt werden kann, in welchem politischen oder gesellschaftlichen Milieu die gemeldeten Vorfälle m.glich werden. Dies gilt insbesondere für die zahlreichen Vorfallbündel. Dies führt zu einem signifikanten Anstieg der nicht zuordenbaren Vorfälle.

In den meisten Fällen kann ein Vorfall keinem Milieu zugeordnet werden, da die notwendigen Informationen fehlen, die eine gesicherte Zuordnung ermöglichen würden.

Darüber hinaus lässt sich nicht von einer Erscheinungsform auf ein Milieu schließen.

Es zeigt sich, dass antisemitische Einstellungen, die sich jederzeit in antisemitischen Vorfällen materialisieren können, nicht nur ein Phänomen an vermeintlichen „politischen Rändern der Gesellschaft“, sondern ein tief in der Gesamtgesellschaft verwurzeltes Problem darstellen.

Wir von LIDA-SH sprechen von Täter_innen bzw. Verantwortlichen, da der Täter_innen-Begriff nicht bei allen antisemitischen Vorfällen trennscharf ist. Etwa, wenn sich ein Kind in der Schule implizit antisemitisch äußert, fehlt es an Vorsatz sowie Tatentschluss – den für Täter_innenschaft zentralen Merkmalen. Gleichwohl ist auch dieses Kind für seine Aussage verantwortlich.

Unter der Kategorie des Milieus erfasst LIDA-SH das (politischen) Milieu, dass in dem Vorfall zum Ausdruck kommt. Dieses ergibt sich aus den Umständen und den Kontexten des antisemitischen Vorfalls, die Aufschluss über Einstellungen und Ideologien der Täter_innen /Verantwortlichen geben können.

Wir treffen diese Einschätzung auf Grundlage der uns zur Verfügung stehenden Informationen, wie etwa der Beschreibungen der Meldenden, Zeit und Ort des Vorfalls sowie den Eigenheiten des Vorfalls an sich. Grundsätzlich ordnen wir einen Vorfall einem bestimmten Milieu nur dann zu, wenn wir davon ausgehen, dass diese Zuordnung mit hoher Wahrscheinlichkeit korrekt ist. Haben wir Zweifel oder liegen keine Informationen vor, weisen wir das Milieu als „nicht zuordenbar“ aus.

Die Erfassung des politischen Milieus ist mit zwei zentralen Herausforderungen verbunden: Erstens sind wir häufig im hohen Maße auf die Einschätzungen der Meldenden angewiesen. Das bedeutet auch, dass Aussagen zum Milieu der Täter_innen von der Sensibilität der Meldenden für das jeweilige Milieu sowie ihren eigenen Zuschreibungen abhängig ist. Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlicher, dass ein extrem rechter Tathintergrund häufiger erkannt wird als beispielsweise ein evangelikaler. Hinzu kommt, dass für manche Ideologien, wie zum Beispiel die der extremen Rechten, der Antisemitismus konstitutiv ist. Antisemitismus als ideologisches Fragment tritt hier meist nicht nur offen und eindeutig auf, er ist Meldenden in der Regel auch als ein zentrales Ideologiefragment bekannt. Wir vermuten darüber hinaus, dass Meldende eine Zuordnung zu einem bestimmten Milieu vor allem dann vornehmen, wenn dieses für sie besonders auffällig oder markant ist beziehungsweise im Besonderen von der sozialen Norm abweicht.

Eine zweite Herausforderung besteht in der Zuordnung von Vorfällen, deren Täter_innen bzw. Verantwortliche gänzlich unbekannt sind. Dies ist etwa bei Beschädigungen oder Schmierereien im öffentlichen Raum häufig der Fall. Hier können wir nur aus den Umst.nden des Vorfalls schließen. Zu den Umständen zählen wir zum Beispiel Zeitpunkt und Ort des Vorfalls. Wenn am 20.April (Geburtstag von Adolf Hitler) ein jüdischer Friedhof mit Hakenkreuzen geschändet wird, ist ein extrem rechter Tathintergrund wahrscheinlicher als dies an einem anderen Tag und anderen Schmierereien der Fall wäre.

„Vorher die Frage, von welchen Gruppen kommt Antisemitismus. Ja, von welcher nicht? Das müsste ich jetzt mal überlegen, es geht nur um eine Relation.“

RIASbund (2023), S.47

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EBENE 5

Informationen zur Meldung

MELDUNG 2024

Seit 2019 bemüht sich LIDA-SH gezielt um eine Dunkelfelderhellung. Anhand unserer Datenlage können wir nicht das genaue Ausmaß in Schleswig-Holstein bestimmen. Um etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen, können wir jedoch zusätzliche Daten von Institutionen einbeziehen, die eine Schnittmenge mit unseren Daten aufweisen.

Neben den Vorfällen, die LIDA-SH erfasst hat, hat die Polizei im Bereich der „Politisch Motivierten Kriminalität – Rechts“ (PMK-Rechts) 719 Straftaten für das Jahr 2024 dokumentiert, von denen 87 dem Antisemitismus zuzuordnen sind.

Darüber hinaus führt die Polizei eine separate Statistik über antisemitische Vorfälle, die nicht der PMKRechts zugeordnet werden, sondern anderen Ideologien. Unter diese Kategorie fallen 39 registrierte antisemitische Vorfälle.

Von den 126 dokumentierten antisemitischen Straftagen aus der PMK-Statistik können 8 Vorfälle identifiziert werden, die mit großer Wahrscheinlichkeit auch von LIDA-SH dokumentiert wurden. Damit weist die Statistik der Polizei 118 zusätzliche antisemitische Vorfälle aus.

Die Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein (MA HSH) hat für 2024 insgesamt 24 Fälle von antisemitischen Inhalten auf verschiedenen Online-Plattformen registriert, die bei uns aufgrund unseres Erfassungssystems nicht dokumentiert werden können.

Die Staatsanwaltschaften in Schleswig-Holstein verzeichneten im Jahr 2024 erneut einen Anstieg: In 213 Fällen wurden Ermittlungen wegen antisemitischer Taten aufgenommen – sehr oft geht es dabei um Hassrede im Internet.

Vor diesem Hintergrund kann von mindestens 730 antisemitischen Vorkommnissen in Schleswig-Holstein im Jahr 2024 gesprochen werden.

Neben Informationen, die eine genauere Analyse der Struktur antisemitischer Vorfälle erlaubt, erfasst LIDA-SH auch weitere Informationen zur Meldung selbst. So dokumentiert LIDA-SH auch systematisch ob ein Vorfall nicht nur bei der Dokumentationsstelle, sondern auch an anderer Stelle gemeldet wurde.

Die Erfassung der Institutionen, die neben LIDA-SH Kenntnis von einem Vorfall haben bildet einerseits die Basis für einen Abgleich anderer Erhebungen, wie etwa der KPMD-PMK.

„[Wir werden] staunen, wie groß das Ausmaß der Katastrophe ist. Momentan wissen wir es nicht. Es sind meistens diese Dunkelziffern von Taten, die von den Strafbehörden nicht direkt als antisemitische Taten gezählt werden.“

RIASbund (2023), S.81

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