Anhang 1
Das Monitoring von antisemitischen Vorfällen durch LIDA-SH umfasst eine kontinuierliche, kritische und systematische Beobachtung, fundierte Einschätzung sowie statistische Auswertung des Alltagsgeschehens in Schleswig-Holstein.
Als inhaltlicher Referenzrahmen dient die Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). „Die im Jahr 2004 von European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC), der Vorgängerorganisation der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), gemeinsam mit zahlreichen NGOs entwickelte und im September 2017 durch die Bundesregierung zur Verwendung empfohlene „Arbeitsdefinition Antisemitismus“ wurde 2014 durch den Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. (VDK e.V.) vor der Gründung der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) an wenigen Stellen für den deutschen Kontext operationalisiert und spezifiziert.“ LIDA-SH arbeitet mit folgender Version:
4.1.1 erweiterte Arbeitsdefinition Antisemitismus:
„Der Antisemitismus beschreibt gesellschaftlich tradierte Wahrnehmungen eines fremd konstruierten jüdischen Kollektivs. Die Wirkmächtigkeit dieser Fiktionen zeigt sich in der Verbreitung antisemitischer Einstellungen, öffentlicher Debatten und kann sich als Hasse gegenüber Jüdinnen_Juden ausdrücken. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.
Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Oft enthalten antisemitische Äußerungen die Anschuldigung, die Jüdinnen_Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass „die Dinge nicht richtig laufen“. Der Antisemitismus manifestiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in anderen Handlungsformen, er benutzt negative Stereotype und unterstellt negative Charakterzüge.
Aktuelle Beispiele von Antisemitismus im öffentlichen Leben, in den Medien, Schulen, am Arbeitsplatz und in der religiösen Sphäre können unter Berücksichtigung des Gesamtkontexts folgendes Verhalten einschließen, ohne darauf beschränkt zu sein:
Grundzüge antisemitischer Erscheinungsformen
Moderner Antisemitismus
Post-Schoa-Antisemitismus
Israelbezogener Antisemitismus
Handlungsformen
4.1.2 Spezifikation Israelbezogener Antisemitismus:
Diese Arbeitsdefinition wird um den ebenfalls etablierten „3-D Test“ erweitert, der von Nathan Sharansky eingeführt wurde. Diese analytische Methode erlaubt eine Bewertung von israelbezogener Kritik auf ihre antisemitische Konnotation. Sofern eine Kritik am Staat Israel eine der drei folgenden Kriterien erfüllt, ist diese als antisemitisch einzustufen:
Dämonisierung
Traditionelle Beispiele der Dämonisierung von Jüdinnen_Juden z.B. als Gottesmörder, Kindermörder oder Zuschreibung von Charaktereigenschaften wie „geldgierig“, „hinterhältig“ usw. In moderner Form drückt sich die Dämonisierung insbesondere im Vergleich von Israel mit dem Nationalsozialismus aus, wenn z.B. palästinensische Flüchtlingslager mit Auschwitz gleichgesetzt werden.
Doppelstandards
Ein Doppelstandard bzw. Doppelmoral liegt vor, wenn Israel anders als andere Staaten behandelt und selektiv für ein Verhalten kritisiert wird, das bei anderen Staaten ignoriert wird.
Delegitimierung
Existenzrecht Israels wird abgestritten, welches Jüdinnen_Juden das Recht entzieht geschützt in einem eigenen Staat zu leben.
4.1.3 Spezifikation Leugnung und Verharmlosung der Schoa
Um das Vorliegen der Leugnung oder Verharmlosung der Schoa festzustellen, verwendet LIDA-SH die von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) im Oktober 2013 verabschiedete Arbeitsdefinition, die in der hier veröffentlichten Fassung lediglich den sprachlichen Konventionen von LIDA-SH (Gender Gap, Verwendung des Begriffs „Schoa“ statt „Holocaust“) angepasst wurde.
„Als Schoaleugnung werden solche Diskurse und Formen der Propaganda verstanden, die die historische Realität und das Ausmaß der Vernichtung der Jüdinnen_Juden durch die Nazis und deren Komplizen während des zweiten Weltkriegs – bekannt als Holocaust oder Schoa – negieren. Schoaleugnung bezieht sich namentlich auf jeden Versuch zu behaupten, die Schoa habe nicht stattgefunden.
Schoaleugnung ist auch dann gegeben, wenn die Instrumente der Vernichtung (wie Gaskammern, Massenerschießungen, Verhungern und Folter etc.) oder die Vorsätzlichkeit des Völkermords geleugnet oder in Zweifel gezogen werden.
Schoaleugnung ist in allen ihren verschiedenen Formen stets Ausdruck von Antisemitismus. Wer den Völkermord an Jüdinnen_Juden leugnet, versucht, Nationalsozialismus und Antisemitismus von Schuld und Verantwortung für diesen Völkermord am jüdischen Volk zu entlasten.
Formen der Schoaleugnung bestehen auch darin zu behaupten, Jüdinnen_Juden übertrieben oder erfänden die Schoa, um daraus einen politischen oder einen finanziellen Vorteil zu ziehen, als wäre die Schoa selbst das Ergebnis einer Verschwörung der Jüdinnen_Juden. Dies zielt letztlich darauf ab, die Jüdinnen_Juden für schuldig und den Antisemitismus wieder für legitim zu erklären.
Häufig zielt die Schoaleugnung auf die Rehabilitation eines offenen Antisemitismus ab und will damit eben die politischen Ideologien und Bedingungen fördern, die zum Auftreten genau jener Art von Vorgängen passen, die sie leugnet.
Unter Verfälschung der Schoa ist u.a. zu verstehen: