LIDA-SH
Monitoring 2025
Nun, nach drei Jahren Dokumentation antisemitischer Vorfälle, haben wir begonnen ein neues, digitales Format zu entwickeln, das Interessierten nicht nur einen besseren Zugang zu der von uns geschaffenen empirischen Basis über antisemitische Vorfälle in Schleswig-Holstein und den darauf basierenden Einschätzungen, sondern auch zu notwendigen und weiterführenden Informationen über das Erfassungssystem von LIDA-SH sowie zu jüdischen Perspektiven auf Antisemitismus bieten wird.
Diese Auswertungsseite ist dabei der erste Schritt in der Entwicklung eines gänzlich neuen Formats. Ausgehend von dieser Auswertung der dokumentierten antisemitischen Vorfälle für das Jahr 2021 wollen wir kontinuierlich notwendige Funktionen und geeignete Darstellungsformate explorieren und sukzessive umsetzen. In diesem Prozess werden wir sowohl vom White Title Studio als auch vom Science Communication Lab unterstützt.
DAS PROJEKT
LIDA-SH ist die unabhängige Dokumentationsstelle für antisemitische Vorfälle in Schleswig-Holstein. Wir dokumentieren antisemitische Vorfälle und werten sie strukturiert aus. Unser Ziel ist es Ausmaß, Formen und Schwerpunkte des Phänomens zu erheben. In unserer Arbeit orientieren wir uns an internationalen Standards.
Alle, die von einem antisemitischen Vorfall mitbekommen haben, können sich an LIDA-SH wenden. Sowohl Betroffene, Angehörige und Bekannte von Betroffenen als auch Zeug*innen.
LIDA-SH erfasst auch Vorfälle, die (noch) nicht bei der Polizei angezeigt wurden oder keinen Straftatbestand erfüllen. Informationen werden von uns grundsätzlich vertraulich behandelt. Wir verwenden Daten ausschließlich in anonymisierter Form, die keine Rückschlüsse auf natürliche Personen zulässt.
DIE DOKUMENTATION
Antisemitismus als alltägliches Phänomen manifestiert sich in unterschiedlichster Form und Intensität
Dabei ist die Dokumentationsstelle zentral auf konkrete Hinweise auf antisemitischen Vorfälle angewiesen. Gibt es Hinweise auf einen antisemitischen Vorfall in öffentlich zugänglichen Medien, wie etwa Zeitungen oder Polizeimeldungen,
recherchieren wir alle notwendigen Informationen proaktiv. Werden Vorfälle nicht öffentlich bekannt, sind wir darauf angewiesen, dass Personen, die von einem antisemitischen Vorfall wissen, sich auch bei LIDA-SH melden.
Wie viele Vorfälle LIDA-SH dokumentiert, ist demnach nicht nur von der tatsächlichen Anzahl antisemitischer Vorfälle, sondern von vielen weiteren Faktoren – wie etwa dem Bekanntheitsgrad der Dokumentationsstelle, der Sensibilität von potentiellen Melder*innen für Antisemitismus oder dem Vertrauen von Melder*innen in die Dokumentationsstelle – abhängig.
Antisemitische Vorfälle, die LIDA-SH bekannt wurden, werden in einem strukturierten Prozess – häufig im Austausch mit Meldenden – auf Plausibilität geprüft und anschließend strukturiert erfasst. LIDA-SH erhebt zu jedem Vorfall im Rahmen des Möglichen Informationen auf vier Ebenen:
1. Charakteristika des Vorfalls
2. Ort und Kontext des Vorfalls
3. Informationen zu Betroffenen/Adressierten
4. Informationen zu Täter*innen/Verantwortlichen
5. Informationen zur Meldung
DIE AUSWERTUNG
Neben der Dokumentation antisemitischer Vorfälle gehört die Auswertung der erhobenen Vorfälle zu den zentralen Aufgaben der Dokumentationsstelle. Im Rahmen des communitygestützten Ansatzes bezieht LIDA-SH unterschiedliche jüdische Perspektiven aus Schleswig-Holstein kontinuierlich in die eigene Arbeit, insbesondere aber in den Auswertungsprozess, aktiv mit ein. Unser Dank gilt an dieser Stelle denjenigen, die uns in den letzten Jahren an ihren Perspektiven haben teilhaben lassen.
Die Ergebnisse dieser Auswertungsprozesse macht LIDA-SH jährlich der Öffentlichkeit zugänglich. Für die Jahre 2019 und 2020 sind dabei zwei Broschüren entstanden, in denen die empirischen Erkenntnisse und die darauf aufbauenden Analysen zum Phänomen Antisemitismus in Schleswig-Holstein vorgestellt werden. Diese können hier eingesehen werden.
DIE EMPIRISCHE BASIS
Ausgangspunkt unserer Analysen sind die für ein Jahr dokumentierten antisemitischen Vorfälle. Demnach beziehen sich sämtliche Aussagen zu aktuellem Ausmaß und Struktur, sowie zu Veränderungen und Verschiebungen immer nur auf die von LIDA-SH dokumentierten Vorfälle.
Auch wenn wir mit einem niedrigschwelligen Angebot die bestehenden Hemmschwellen bei der Meldung von Vorfällen senken können und kontinuierlich am Ausbau unseres Meldenetzwerkes arbeiten, müssen wir doch davon ausgehen, dass auch die von uns dokumentierten Vorfälle nur einen Ausschnitt des tatsächlichen alltäglichen Antisemitismus erfassen. Unsere Ergebnisse können das sogenannte Dunkelfeld also ein Stück weit erhellen – gänzlich auflösen lässt es sich nie.
Auch in Schleswig-Holstein ist Antisemitismus ein komplexes Phänomen, das sich in unterschiedlichster Form und Intensität ausdrückt. Für das Jahr 2025 hat LIDA-SH mit 411 Vorfällen weiterhin ein hohes Niveau verzeichnet, allerdings auch einen Rückgang im Vergleich mit dem Vorjahr (2024: 588). Im Schnitt mussten damit um die 8 Vorfälle pro Woche im Bundesland Schleswig-Holstein dokumentiert werden. Das hohe öffentlich wahrnehmbare Aufkommen hat verschiedene antisemitische Ausdrucksformen und Kontexte, die im Folgenden detailliert erklärt werden.
Die Struktur der dokumentierten Vorfälle verweist zudem auf ein massives Dunkelfeld antisemitischer Vorfälle: Es muss davon ausgegangen werden, dass nur ein Bruchteil der Vorfälle von LIDA-SH dokumentiert werden konnte.
DELIKTQUALITÄT
Der Großteil der dokumentierten Fälle befindet sich, ähnlich wie in den Vorjahren unterhalb der Angriffsschwelle, wobei die Fälle, bei denen von einem erhöhten Gefährdungspotenzial auszugehen ist, weiterhin auf einem hohen Niveau sind. Damit setzt sich die Entwicklung aus den Vorjahren fort.
ERSCHEINUNGSFORM
Israelbezogener Antisemitismus ist weiterhin die Erscheinungsform mit den meisten Ausprägungen. Post-Schoah Antisemitismus ist die zweit stärkste Ausprägung mit einem deutlichen Anstieg, welcher den Trend, der sich bereits in den Jahren vorher abgezeichnet hat, weiterführt. Die bemerkenswerte Fortsetzung dieses Trends, auf die die wir bereits im vergangenen Jahr hingewiesen haben, verweist erneut auf die Bedeutung von Gelegenheitsstrukturen. Diese Strukturen begünstigen erst diese Vorfälle und antisemitischen Äußerungen im öffentlichen Raum.
ORT
Antisemitische Vorfälle wurden für 2025 in nahezu allen Landkreisen dokumentiert, wobei der Großteil der Vorfälle in Kiel berichtet wurden. Derartige Vorfälle können in vielfältigen Kontexten auftreten, allerdings gab es einen Rückgang in den meisten Kategorien im Vergleich zu 2024. Die meisten Vorfälle finden weiterhin außerhalb spezifischer Veranstaltungen statt.
BETROFFENE
In 2025 wurden die meisten Vorfälle ohne direkte Adressierung dokumentiert, wobei in den Vorfällen mit direkter Adressierung Zivilgesellschaft/nicht Jüdinnen*Juden und Jüdinnen*Juden am häufigsten Adressiert wurden. Wobei die Vorfälle ohne direkte Adressierung dennoch eine Auswirkung auf Betroffene haben kann und ein Ausdruck davon sind das Vorfälle nicht im luftleeren Raum oder in Randgruppen passieren, sondern Teil des Alltags für Betroffene sind.“ Ersetzen durch: „Auch Vorfälle ohne direkte Adressierung können Auswirkungen auf Betroffene haben. Sie zeigen, dass es keine Vorfälle gibt, die im luftleeren Raum oder nur in Randgruppen stattfinden, sondern Teil des Alltags vieler Betroffener sind.
MELDUNG
Die Anzahl der durch die Ermittlungsbehörde erfassten antisemitischen Straftaten ist weiterhin konstant und verzeichnet auch einen leichten Rückgang, ähnlich wie unsere Zahlen, wobei wir nur von einer geringen Schnittmenge ausgehen können. Dieser Befund erklärt weiterhin die Bedeutung einer zivilgesellschaftlichen Erfassung antisemitischer Vorfälle auch unterhalb der Grenze zur Strafbarkeit, er deutet auch erneut auf ein immenses Dunkelfeld von antisemitischen Vorfällen in unserer Gesellschaft hin.
EBENE 1
Deliktqualität
Deliktqualität Trend der letzten Jahre 2023–2025
Deliktqualität nach Monaten 2025
Das Spektrum der dokumentierten antisemitischen Vorfälle ist sehr breit. Weiterhin äußert sich Antisemitismus besonders häufig niederschwellig in Form von verletzendem Verhalten und in alltäglichen Situationen. Es gibt wohl auch in Schleswig-Holstein kaum einen Ort, an dem antisemitische Vorfälle undenkbar sind. Allerdings verweist die Struktur der Vorfälle, die gemeldet werden, weiterhin darauf hin, dass sich der Trend aus 2024 fortsetzt, da in vielen ländlicheren Landkreisen nur einzelne Fälle gemeldet werden. Es muss davon ausgegangen werden, dass häufig Vorfälle in vielfältigen Situationen entstehen, die nicht bei LIDA-SH gemeldet werden, und Antisemitismus ein vielfältiges Phänomen darstellt.
Auch für das Jahr 2025 verzeichnet LIDA-SH weiterhin ein Vorfallgeschehen auf einem hohen Niveau, wenn auch mit einem Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. Die Verteilung über das Jahr hinweg zeigt vermehrt Vorfälle bis zur Mitte des Jahres und dann einen Abfall der dokumentierten Vorfälle. Während die Anzahl der dokumentierten Vorfälle im Laufe des Jahres 2025 sank, mussten über das gesamte Jahr kontinuierlich schwerwiegender Vorfälle wie Bedrohungen, Sachbeschädigungen und Angriffe verzeichnet werden. Wie im Vorjahr wurden ähnliche bis gleiche Vorfälle – insbesondere das Verbreiten von antisemitischer Propaganda im öffentlichen Raum – durch ein strukturiertes Verfahren integriert um die Verzerrungseffekte so gering wie möglich zu halten. Das hohe Vorfallaufkommen zu Beginn des Jahres schließt an das hohe Niveau des Vorjahres an. So wurden noch bis in den Mai überproportional viele antisemitische Aufkleber in Kiel gemeldet und dokumentiert.
Die antisemitische Bedrohungskampagne gegen eine israelsoldiarische Person, die wir in 2024 erleben mussten, einmal ausgeklammert, ist für 2025 ein Anstieg der Bedrohungen zu verzeichnen (2024: 6 2025: 12) Auch wenn die Anzahl der dokumentieren Angriffe beinahe stagniert (2024: 5, 2025: 6) steigt deren prozentualer Anteil an allen dokumentierten Vorfällen in 2025 merklich. Sachbeschädigungen (2024: 16, 2025: 11) verzeichnen einen leichten und Massenzuschriften (2024:44, 2025:19) einen starken Rückgang. Es zeigt sich erneut, dass das antisemitische Grundrauschen ohne weiteres in Gewalttaten umschlagen kann und dabei allmählich Antisemitismus normalisiert wird.
Von der Deliktqualität lässt sich unmittelbar auf die Auswirkungen schließen, die ein antisemitischer Vorfall haben kann. So können – verstärkt durch die hohe und regelmäßige Belastung der Betroffenen durch Antisemitismus in den vergangenen zweieinhalb Jahren – bereits strafrechtlich weniger schwere Delikte eine große Auswirkung haben. Mit den potentiellen Auswirkungen antisemitischer Vorfälle beschäftigt sich die Auswertungsbroschüre aus dem Jahr 2019 sowie eine neue Publikation von RIAS Bayern 2026.
LIDA-SH unterscheidet je nach Art und Schwere des Vorfalls sechs verschiedene Deliktqualitäten. Diese Typen wurden ursprünglich vom Community Security Trust (CST) in Großbritannien entwickelt und zunächst von RIAS Berlin und dann von LIDA-SH für den deutschen Kontext angepasst.
LIDA-SH unterscheidet zwischen folgenden Deliktqualitäten:
EBENE 2
Erscheinungsformen
ERSCHEINUNGSFORM 2022–2025
Israelbezogener Antisemitismus
Vorfälle und Angriffe nach Monaten 2025
Erneut ist der israelbezogene Antisemitismus die vorrangigste dokumentierte Erscheinungsform und zeigt sich oft in Kombination mit anderen Erscheinungsformen. Für diese Auswertung dokumentieren wir immer eine Erscheinungsform pro Vorfall. Genaueren Aufschluss über die Verschränkungen bundesweiter Vorfälle gibt es hierzu in dem Jahresbericht des Bundesverband RIAS.
Ein Großteil der dokumentierten Vorfälle, die einem israelbezogenen Antisemitismus zuzuordnen sind, manifestieren sich in Form von antisemitischen Beleidigungen und dem Verbreiten von israelfeindlichem Propagandamaterial. Diese werden als “Verletzendes Verhalten” ausgewiesen, was für den Dokumentationszeitraum das häufigste Delikt darstellt.
Antisemitismus wird in vielen Fällen durch Bezugnahme auf das Handeln Israels zu legitimieren versucht und hat dabei allerdings reale Folgen über die Betroffenen hinaus bis weit in die jüdischen Communities hinein. Die dokumentierten Vorfälle des Post-Schoa Antisemitismus sind deutlich gestiegen und prozentual kann sogar eine Verdoppelung von 6,1% (36 von 588) in 2024 auf 13,3% (55 von 411) in 2025 gesehen werden. Vorfälle eines antisemitisches Otherings verzeichnet einen Rückgang, die eines modernen Antisemitismus bleibt weiterhin konstant. Alle Erscheinungsformen bleiben weiterhin über dem Niveau von vor dem Hamas Terroranschlag vom 7. Oktober 2023.
Wie die Verschiebungen sowohl alljährig als auch innerhalb der Jahre deutlich zeigen, ist die Struktur und Verbreitung antisemitischer Vorfälle in hohem Maße von Gelegenheitsstrukturen abhängig. Analytisch lässt sich feststellen, dass diese einen exogenen Anlass haben, der begleitet von umfassenden Social-Media-Kampagnen und Versammlungen auf der Straße erst die Möglichkeitsräume schafft, sich unverhohlen und öffentlich wahrnehmbar antisemitisch zu äußern.
Antisemitismus drückt sich in vielfältiger Art und Weise aus. Diese Kategorie erfasst welche Erscheinungsform des Antisemitismus in dem Vorfall zum Ausdruck kommt. Oft sind die Erscheinungsformen, in denen der Antisemitismus zum Ausdruck kommt in der Praxis miteinander verwoben. Bei dieser Differenzierung handelt es sich um eine kategorial-analytische Trennung in der erfasst wird, welche Erscheinungsform vordergründig ist.
LIDA-SH unterscheidet zwischen folgenden Erscheinungsformen:
RIASbund (2023), S. 25
EBENE 3
Informationen zu Ort und Kontext
Verteilung Landkreise 2025
Verteilung Sozialer Raum 2025
Im Jahr 2025 hat LIDA-SH bis auf einen Landkreis in allen kreisfreien Städten sowie Landkreisen in Schleswig-Holstein antisemitische Vorfälle dokumentiert. Auch in diesem Jahr wurde der Großteil der Vorfälle (364 von 411) in Kiel verzeichnet. Anders als die Zahlen vermuten lassen, bedeutet dies nicht unbedingt, dass sich in Kiel deutlich mehr antisemitische Vorfälle als andernorts ereignen. Die Fülle der dokumentierten Vorfälle deutet zunächst auf einen hohen Grad der Vernetzung und damit auch auf die Bekanntheit des Angebots von LIDA-SH hin. Auch die infrastrukturellen Gegebenheiten der Großstadt, mitsamt der Fülle der hier ansässigen Institutionen und des damit einhergehenden bereits bestehenden Netzwerks, bieten hier einen Erklärungsansatz.
In diesem Jahr kam es im Landkreis Pinneberg zu einer auffälligen Häufung von dokumentierten Vorfällen. Dies liegt unter anderem an der Etablierung neuer Netzwerkpartner*innen. In den Landkreisen Rendsburg-Eckernförde, sowie Segeberg konnte ein deutlicher Rückgang im ähnlichen Verhältnis zu den insgesamt weniger dokumentierten Vorfällen verzeichnet werden. Das lässt sich teilweise mit regionalen Veränderungen erklären, wie beispielsweise dem Wegfallen einer Geschäftsstelle im Kreis Rendsburg-Eckernförde, an dem es in den Vorjahren wiederholt zu gezielten Sachbeschädigungen kam.
Die Struktur der dokumentierten antisemitischen Vorfälle zeigt, dass derartige Vorkommnisse nahezu überall und in vielfältigen Kontexten auftreten können. In diesem Jahr waren Arbeitsstätten, Demonstrationen und das Internet die Kategorien des sozialen Raums, die am häufigsten identifiziert werden konnten, was eine Veränderung zum Vorjahr darstellt. Allerdings finden weiterhin die meisten Vorfälle im öffentlichen Raum außerhalb spezifischer Veranstaltungen oder Kontexte statt. Ein Großteil der Vorfälle, die in einem zuordenbaren sozialen Kontext statt fanden, waren während öffentlichen Veranstaltungen. In diese Kategorie fallen etwa Demonstrationen, öffentliche politische Veranstaltungen, Kulturveranstaltungen oder anderweitige Freizeitveranstaltungen. Auch die Kategorie Arbeitsstätte ist wie bereits in den vergangenen Jahren deutlich ausgeprägt, wobei die Vorfälle in dieser Kategorie eine große Bandbreite auch im Bezug auf die Deliktqualität aufweist. Auffällig ist zudem, dass die gemeldeten Vorfälle, die sich in Klassenzimmern und Schulen abspielen, signifikant rückläufig sind, und auch im Bereich des organisierten Sportbetriebs wurden weniger Vorfälle an LIDA-SH gemeldet.
Unter Ort wird der Landkreis (oder die Kreisfreie Stadt), in dem sich der Vorfall ereignet hat, angegeben. Dies Erfassung der Landkreise ist hilfreich um „weiße Flecken“ erkennen zu können und Hotspots antisemitischer Vorfälle lokalisieren zu können. Die Angabe der konkreten Straße kann zudem hilfreich sein um zu überprüfen, ob ein Vorfall möglicherweise bereits dokumentiert wurde. Eine weiterführende Erfassung des Ortes, an dem sich ein Vorfall ereignet hat, wie Stadt und Straße, wird nach Möglichkeit wird zwar durchgeführt, aber zum Schutz der Anonymität von Meldenden und Betroffenen nicht veröffentlicht. Die Erfassung ist dennoch notwendig, da so sichergestellt werden kann, dass Vorfälle – wie zum Beispiel eine Sachbeschädigung im öffentlichen Raum – nicht mehrfach dokumentiert werden.
Unter Tatkontext/sozialer Raum wird der soziale Kontext, in dem ein Vorfall stattfindet, erfasst. Gerade im Hinblick auf Vorfälle, die im Internet stattfinden bzw. über das Internet vermittelt sind, erscheint eine solche Differenzierung notwendig: Wenn beispielsweise Personen in einer geschlossenen Chatgruppe einer Schulklasse antisemitische Memes verbreiten, so ereignet sich dieser Vorfall zwar online, hat aber gleichzeitig einen eindeutigen Bezug zu der jeweiligen Schulklasse und damit zum sozialen Raum Schule
Video aus dem Jahr 2023
EBENE 4
Informationen zu Betroffenen/Adressierten
ADRESSIERUNG 2025
Weiterhin adressiert ein absoluter Großteil der dokumentierten Vorfälle keine konkreten Personen direkt. Wie im Vorjahr wurden auch 2025 vor allem Gedenkinitiativen, insbesondere Stolpersteine und andere Gedenkorte für die Gräueltaten der Nazis in der NS-Zeit, zunehmend Ziel von Sachbeschädigung. Zudem sind Teile einer antisemitismuskritischen Zivilgesellschaft zunehmend verbalen und körperlichen Angriffen ausgesetzt. Gleichzeitig werden uns weiterhin kontinuierlich Vorfälle bekannt, in denen Jüdinnen*Juden direkt mit Antisemitismus konfrontiert sind.
Unabhängig von einer konkreten Adressierung entfalten die dokumentierten Vorfälle reale Folgen für diejenigen, die in den Vorfällen gemeint sind: Jüdinnen*Juden. Betroffene berichten von einem Rückzug aus dem öffentlichen Leben, hinein in die eigenen Schutzräume, wie die Gemeinde, Familie und Freundeskreise. Orte, an denen sie bereits Erfahrungen der Ausgrenzung erleben mussten, werden häufiger gemieden. Das Navigieren durch den Alltag wird zu einem sicherheitsorientierten Abwägen.
Gerade wenn zentrale Versprechen einer pluralistischen Demokratie, wie das Recht auf soziale Teilhabe, freie Ausübung einer Religion, das Recht auf Bildung und sogar das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht vollumfänglich eingelöst werden, dann darf die Lösung nicht den Betroffenen überlassen werden.
Unter Adressierung wird erfasst, ob sich ein Vorfall gegen eine bestimmte Person, Gruppe oder Institution richtet, um wen es sich dabei ggf. handelt und ob diese Person direkt adressiert wird. So ist beispielsweise die Schmiererei „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“ an einer Bushaltestelle eindeutig antisemitisch und gegen Juden*Jüdinen gerichtet. Allerdings wird dabei weder eine konkrete Person noch eine Institution direkt adressiert. Im Unterschied dazu richtet sich die Verwendung des Ausspruchs „Du Jude“ als Beleidigung gegen eine konkrete Person.
Sofern in einem Vorfall eine Person oder Institution direkt adressiert wird, erfasst LIDA-SH auch in welchem Verhältnis Adressierte zu Täter*innen bzw. Verantwortlichen stehen.
EBENE 5
Informationen zu Verantwortlichen und Täter*innen
Verteilung Milieu auf Landkreise differenziert
Verteilung Geschlecht 2025
Täter*innen und Verantwortliche konnten in 2025 häufiger einem Milieu zugeordnet werden. Deutlich häufiger verwiesen die Umstände des Vorfalls – etwa durch Äußerungen oder dem Zeigen von Symbolen – auf ein spezifisches Milieu, in dem dieser Vorfall möglich wurde. Auffallend ist dabei, dass in den Landkreisen, aus denen verhältnismäßig wenige Vorfälle gemeldet werden, der Anteil der Vorfälle, die einem Milieu der extremen Rechten oder einem im weitesten Sinne Links/Anti-Imperialistischen Milieu zugeordnet werden konnten, besonders hoch ist. Es ist davon auszugehen, dass auch in diesen Landkreisen abseits von diesen Vorfällen deutlich mehr Vorfälle passieren, jene, die einem extremen rechten oder links/anti-Imperialistischen Milieu zugeordnet werden, können aber eher als antisemitisch erkannt, als problematisch bewertet und deswegen bei LIDA-SH gemeldet werden. Auch das Milieu der Verschwörungsideologie konnte vermehrt zugeordnet werden, was mit einer Vorfallsreihe von Massenzuschriften mit entsprechenden Codes und Erzählungen zusammen hängt.
Nach wie vor äußern sich die meisten Vorfälle aber in einer Art und Weise, die keinerlei Zuordnung zu irgendeinem politischen Milieu erlauben. Hier zeigt sich erneut deutlich, dass antisemitische Einstellungen, die sich jederzeit in antisemitischen Vorfällen materialisieren können, nicht nur ein Phänomen an vermeintlichen “politischen Rändern der Gesellschaft”, sondern ein tief in der Gesamtgesellschaft verwurzeltes Problem darstellt.
Wir von LIDA-SH sprechen von Täter*innen bzw. Verantwortlichen, da der Täter*innen-Begriff nicht bei allen antisemitischen Vorfällen trennscharf ist. Etwa, wenn sich ein Kind in der Schule implizit antisemitisch äußert, fehlt es an Vorsatz sowie Tatentschluss – den für Täter*innenschaft zentralen Merkmalen. Gleichwohl ist auch dieses Kind für seine Aussage verantwortlich.
Unter der Kategorie des Milieus erfasst LIDA-SH das (politische) Milieu, das in dem Vorfall zum Ausdruck kommt. Dieses ergibt sich aus den Umständen und den Kontexten des antisemitischen Vorfalls, die Aufschluss über Einstellungen und Ideologien der Täter*innen /Verantwortlichen geben können.
Wir treffen diese Einschätzung auf Grundlage der uns zur Verfügung stehenden Informationen, wie etwa der Beschreibungen der Meldenden, Zeit und Ort des Vorfalls sowie den Eigenheiten des Vorfalls an sich. Grundsätzlich ordnen wir einen Vorfall einem bestimmten Milieu nur dann zu, wenn wir davon ausgehen, dass diese Zuordnung mit hoher Wahrscheinlichkeit korrekt ist. Haben wir Zweifel oder liegen keine Informationen vor, weisen wir das Milieu als „nicht zuordenbar“ aus.
Die Erfassung des politischen Milieus ist mit zwei zentralen Herausforderungen verbunden: Erstens sind wir häufig im hohen Maße auf die Einschätzungen der Meldenden angewiesen. Das bedeutet auch, dass Aussagen zum Milieu der Täter*innen von der Sensibilität der Meldenden für das jeweilige Milieu sowie ihren eigenen Zuschreibungen abhängig ist. Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlicher, dass ein extrem rechter Tathintergrund häufiger erkannt wird als beispielsweise ein evangelikaler. Hinzu kommt, dass für manche Ideologien, wie zum Beispiel die der extremen Rechten, der Antisemitismus konstitutiv ist. Antisemitismus als ideologisches Fragment tritt hier meist nicht nur offen und eindeutig auf, er ist Meldenden in der Regel auch als ein zentrales Ideologiefragment bekannt. Wir vermuten darüber hinaus, dass Meldende eine Zuordnung zu einem bestimmten Milieu vor allem dann vornehmen, wenn dieses für sie besonders auffällig oder markant ist beziehungsweise im Besonderen von der sozialen Norm abweicht.
Eine zweite Herausforderung besteht in der Zuordnung von Vorfällen, deren Täter*innen bzw. Verantwortliche gänzlich unbekannt sind. Dies ist etwa bei Beschädigungen oder Schmierereien im öffentlichen Raum häufig der Fall. Hier können wir nur aus den Umständen des Vorfalls schließen. Zu den Umständen zählen wir zum Beispiel Zeitpunkt und Ort des Vorfalls. Wenn am 20. April (Geburtstag von Adolf Hitler) ein jüdischer Friedhof mit Hakenkreuzen geschändet wird, ist ein extrem rechter Tathintergrund wahrscheinlicher als dies an einem anderen Tag und anderen Schmierereien der Fall wäre.
Pressestatement VJSN 2025
EBENE 5
Informationen zur Meldung
MELDUNG 2025
MELDUNG BEI DER POLIZEI 2025
Für das Jahr 2025 wurden uns sowohl aus dem Bereich Schule und Hochschule als auch dem organisierten Sport merklich weniger Vorfälle als in den Vorjahren gemeldet. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass hier auch tatsächlich weniger passiert. Vielmehr scheint hier die zunehmende Chiffrierung einerseits und möglicherweise auch ein fortschreitender Gewöhnungsprozess an die Alltäglichkeit von Antisemitismus andererseits das Meldeaufkommen zu verringern.
Zudem erreichten uns weniger Meldungen aus den jüdischen Communities, was diverse Gründe zu haben scheint, was LIDA-SH aber nur fragmentarisch im Rahmen von Vernetzung zu Vertreter*innen organisierten Communities zur Kenntnis gelangt. Die anhaltende Omnipräsenz von Antisemitismus belastet viele Jüdinnen*Juden zunehmend. So schrecken vermehrt Jüdinnen*Juden davor zurück, ihre Erfahrungen zu teilen, da auch die Wiedergabe von Vorfällen eine Aktualisierung der verletzenden Erfahrung (bis hin zur Retraumatisierung) bedeuten kann. Dann berichten uns Jüdinnen*Juden vermehrt von einer Ermüdung: Auf das Melden von Vorfällen folgt oft nichts – oder zu wenig. Zudem erscheint für einige die Konfrontation mit Antisemitismus im Alltag als unausweichlich. Beides verstärkt Gewöhnungstendenzen, durch die Antisemitismus als hinzunehmende Alltäglichkeit Einzug in die Lebensrealität der Betroffenen hält.
Die geringen Meldungen aus jüdischen Gemeinden und von Jüdinnen*Juden in Schleswig-Holstein sind vor diesem Hintergrund noch kein Anzeichen für einen realen Rückgang von antisemitischen Vorfällen im Bundesland, sondern sollten vielmehr als ein Zeichen für eine Verschärfung der Notlage von jüdischen Identitäten gelten und ihren Rückzug aus dem Sozialen verstanden werden.
Da ein Großteil der Vorfälle, die bei LIDA-SH gemeldet werden, unterhalb der Strafbarkeit liegen, überrascht es nicht, dass viele der Meldenden diese Vorfälle nicht bei der Polizei zur Anzeige bringen. Lediglich ein Bruchteil (4%) aller Vorfälle werden bei Polizei gemeldet. Die Erfahrung von LIDA-SH zeigt, dass Meldende Vorfälle häufig nicht zur Anzeige bringen, weil sie sich selber unsicher sind, ob das Erlebte überhaupt strafbar ist. Zusätzlich hält immer wieder auch ein fehlendes Vertrauen zu oder vorangegangene schlechte Erfahrungen mit Ermittlungsbehörden Meldende von einer Anzeige ab. Lediglich 41% (12 von 29) der dokumentierten Vorfälle oberhalb der Schwelle zum Angriff wurden bei der Polizei angezeigt.
Seit 2019 bemüht sich LIDA-SH gezielt um eine Dunkelfelderhellung in Schleswig-Holstein. Anhand unserer Datenlage können wir nicht das genaue Ausmaß von Antisemitismus bestimmen, aber gehen weiterhin davon aus, dass unsere Datenbank nur ein Teil der antisemitischen Vorfälle in Schleswig-Holstein abbilden kann, wenn auch exemplarische Situationen und Kontexte, in denen Meldende von Antisemitismus betroffen sind.
Neben den Vorfällen die bei LIDA-SH erfasst hat, hat die Polizei im Bereich der „politisch Motivierten Kriminalität-Rechts” (PMK-Rechts) 625 Straftaten für das Jahr 2025 dokumentiert (2024:719), von denen 66 (2024:87) dem Antisemitismus zugeordnet werden konnten.
Darüber hinaus führt die Polizei eine separate Statistik über antisemitische Vorfälle, die nicht der PMK-Rechts zugeordnet werden, sondern anderen Ideologien. Unter diese Kategorie fallen 28 (2024: 39) registrierte antisemitische Vorfälle.
Von den 94 dokumentierten antisemitischen Straftaten aus der PMK-Statistik kann zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht klar gesagt werden welche Vorfälle davon mit großer Wahrscheinlichkeit auch bei LIDA-SH dokumentiert wurden.
Die Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein (MA HSH) hat für 2025 insgesamt 21 Fälle von antisemitischen Inhalten auf verschiedenen Online-Plattformen registriert, die bei uns aufgrund unseres Erfassungssystems nicht dokumentiert werden können.
Die Staatsanwaltschaft in Schleswig-Holstein verzeichnet im Jahr 2025 erneut ein sehr hohes Niveau an Taten: In 179 Verfahren wurden Ermittlungen wegen antisemitischer Taten aufgenommen – sehr oft werden Anfeindungen und Diskriminierung im Rahmen von Veranstaltungen und Demonstrationen gegen Personen, die sich für jüdisches Leben und den Staat Israel engagieren würden, dokumentiert. Wobei auch die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass es ein immenses Dunkelfeld gibt.
Neben Informationen, die eine genauere Analyse der Struktur antisemitischer Vorfälle erlaubt, erfasst LIDA-SH auch weitere Informationen zur Meldung selbst. So dokumentiert LIDA-SH auch systematisch ob ein Vorfall nicht nur bei der Dokumentationsstelle, sondern auch an anderer Stelle gemeldet wurde.
Die Erfassung der Institutionen, die neben LIDA-SH Kenntnis von einem Vorfall haben, bildet einerseits die Basis für einen Abgleich anderer Erhebungen, wie etwa der KPMD-PMK.
RIASbund (2023), S.81