MASSIVER ANSTIEG BEI ANTISEMITISCHEN VORFÄLLEN: UNABHÄNGIGE DOKUMENTATIONSSTELLE VERÖFFENTLICHT ZAHLEN ZU DOKUMENTIERTEN ANTISEMITISCHEN VORFÄLLEN FÜR DAS JAHR 2025
Die landesweite Informations- und Dokumentationsstelle Antisemitismus in Schleswig-Holstein (LIDA-SH) veröffentlicht im Rahmen der Landespressekonferenz am 28.05.2026 ihre Erkenntnisse zu den für das Jahr 2025 dokumentierten antisemitischen Vorfällen. LIDA-SH verzeichnet dabei mit 411 Vorfällen (24: 588; 23: 120) ein weiterhin hohes Niveau.
Somit mussten acht Vorfälle pro Woche dokumentiert werden. Antisemitismus bleibt ein komplexer Phänomenbereich, welcher sich mehrdimensional äußert. Obwohl LIDA-SH seit 2019 kontinuierlich zur Erhellung des Dunkelfelds antisemitischer Vorfälle beiträgt, muss weiterhin von einer hohen Anzahl an nicht bekannt gewordener Vorfälle ausgegangen werden. Antisemitismus muss weiterhin als flächendeckendes Phänomen betrachtet werden, welches in den vielfältigen Erscheinungsformen zu mitunter massiven Einschränkungen jüdischen Lebens führt.
Auch der erfasste Rückgang von 30 % im Vergleich zum Vorjahr stellt keine tatsächliche Entspannung des antisemitischen Vorfallsgeschens dar. Die Vorfallsmeldungen nahmen im Laufe des Jahres zwar ab, die Schwere der Deliktqualität blieb dafür aber
konstant. „Sowohl auf Basis der erfassten Vorfälle als auch der Erkenntnisse die wir im Rahmen der Vernetzung mit jüdischen Communities generieren, müssen wir weiterhin von einer extrem angespannten Lage sprechen.“, erklärt Joshua Vogel, Leiter des Projekts. So waren die Mehrzahl der dokumentierten Bedrohungen gegen Jüd*innen gerichtet. Zudem wurden die meisten Vorfälle im öffentlichen Raum verzeichnet. Da die Vorfälle als Botschaftstaten zu verstehen sind, sehen sich Jüd*innen konstant mit Antisemitismus konfrontiert.
„Die massiven Konsequenzen insbesondere für Jüd*innen in Schleswig-Holstein sind Ausdruck eines wachsend gesamtgesellschaftlich antisemitischen Grundrauschens, das wir seit 2023 beobachten müssen.“, fasst Joshua Vogel zusammen.
Das hohe Aufkommen von Antisemitismus in verschiedensten Formen, auch in Gestalt des gehäuft auftretenden israelbezogenen Antisemitismus, erschwert insbesondere Jüd*innen in Schleswig-Holstein die Partizipation am öffentlichen Leben und hindert damit auch die Versuche jüdisches Leben als alltägliche Selbstverständlichkeit sichtbarer zu machen.
KONTAKT ZUR DOKUMENTATIONSSTELLE:
Joshua Vogel
E-Mail: vogel@lida-sh.de
Telefon: 0152 27 80 28 96
Die Dokumentationsstelle LIDA-SH wird durch das Landesdemokratiezentrum im Rahmen des Landesprogramms zur Demokratieförderung und Rechtsextremismusbekämpfung gefördert.
Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerungen des Ministeriums für Inneres, Kommunales, Wohnen und Sport des Landes Schleswig-Holstein und des Landesdemokratiezentrums beim Landespräventionsrat Schleswig-Holstein dar. Für inhaltliche Aussagen trägt der oder die Autor*in bzw. tragen die Autor*innen die Verantwortung.
O-TÖNE
VERBAND JÜDISCHER STUDIERENDER NORD (VJSNORD)
„Der Antisemitismus blieb im vergangenen Jahr insgesamt auf ähnlichem Niveau wie zuvor. Ein leichter Rückgang der Zahlen deutet weniger auf tatsächliche Verbesserung als auf sinkende Meldebereitschaft hin. Viele Betroffene empfinden das Melden von Vorfällen als ermüdend, da Konsequenzen oft ausbleiben. So wird Antisemitismus zunehmend als Teil des Alltags normalisiert. Zudem zeigt sich, dass Antisemitismus immer häufiger in Codes, Narrativen, Bildern oder politischen Zuschreibungen auftritt, die antisemitische Denkmuster fortsetzen, ohne sie offen zu benennen. Diese Formen sind besonders anschlussfähig und gesellschaftlich schwerer einzuordnen.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Antisemitismus ein tief verwurzeltes gesamtgesellschaftliches Problem bleibt, das sich nicht auf einzelne politische Lager reduzieren lässt. Die fehlende eindeutige Zuordnung erleichtert das Auftreten antisemitischer Einstellungen in unterschiedlichen Kontexten.
Auch an Universitäten und im Hochschulcampus verstärkt sich der Eindruck bei uns und anderen Studierenden, dass antisemitische Narrative an Sichtbarkeit und Akzeptanz gewinnen. Parolen und Bilder, die man aus dem letzten Jahrhundert kennt, tauchen in neuen Zusammenhängen auf und werden so normalisiert. Diese Entwicklung geht mit einer zunehmenden Verrohung und Gewaltbereitschaft einher. Sie verschärft die Bedrohungslage für Jüdinnen und Juden und zeigt, dass antisemitische Einstellungen in einem Klima gesellschaftlicher Enthemmung gedeihen.“
DR. H.C. GERHARD ULRICH – BEAUFTRAGTER FÜR JÜDISCHES LEBEN UND GEGEN ANTISEMITISMUS DES LANDES SCHLESWIG -HOLSTEIN
„Der vorliegende Bericht unterstreicht eine gesellschaftliche Entwicklung, die wir mit großer Besorgnis verfolgen. Insbesondere das hohe Niveau der Angriffe und Bedrohungen sind auch mit Blick auf die bundesweiten, europaweiten und internationalen Entwicklungen alarmierend. Die Deliktqualität zeigt, dass die Hemmschwelle spürbar sinkt. Auch wenn die Zahlen 2025 etwas rückläufig im Vergleich zu 2024 sind, gibt es keinen Anlass von einer Trendwende oder einem Rückgang insgesamt zu sprechen. Jüdinnen und Juden sind tagtäglich Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt. Antisemitismus ist schon länger kein Randphänomen mehr und betrifft uns alle in unserer demokratischen Gesellschaft. Diesen Tatsachen müssen wir uns stellen, um Antisemitismus weiter und zielgerichtet bekämpfen zu können.“
JÜDISCHE GEMEINSCHAFT SCHLESWIG-HOLSTEIN K.D.Ö.R. – PRESSEMITTEILUNG
Der Kampf gegen Antisemitismus soll eine zentrale politische Aufgabe unserer gesamten Gesellschaft sein. Er berührt den Kern dessen, was eine demokratische Ordnung ausmacht: die unbedingte Achtung der Menschenwürde, die Gleichheit vor dem Gesetz und den wirksamen Schutz von Minderheiten. Antisemitismus greift diese Grundlagen direkt an. Er grenzt aus, entwürdigt und bedroht jüdisches Leben – und unterminiert damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Stabilität unserer Demokratie. Wie dramatisch sich die Lage entwickelt hat, zeigt eine aktuelle repräsentative Befragung aus der jüdischen Gemeinschaft selbst. Gut zweieinhalb Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober in Israel ist der Ausnahmezustand für Jüdinnen und Juden in Deutschland zu einem bedrückenden Dauer-Krisen-
zustand geworden. Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, konstatiert: „Nach dem explosionsartigen Anstieg des Antisemitismus in Folge des 7. Oktober hat sich eine ‚neue Normalität‘ herausgebildet. Eine Lage, in der Jüdische Gemeinden permanent geschützt werden müssen und der Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums eine Normalisierung erfahren hat. Diese Zustände sind unhaltbar.“ Diese Entwicklung ist politisch nicht hinnehmbar. Antisemitismus ist kein Randphänomen, sondern ein strukturell verankertes und historisch tief verwurzeltes Problem, das sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen zeigt – offen, subtil oder institutionalisiert. Ihm wirksam zu begegnen, erfordert mehr als symbolische Bekenntnisse. Notwendig sind klare politische Strategien, belastbare Präventionskonzepte und eine konsequente Durchsetzung bestehender Gesetze. Die Dringlichkeit politischen Handelns zeigt sich auch im Blick auf die Integrationsleistungen jüdischer Zuwanderinnen und Zuwanderer in Deutschland. Trotz oftmals schwieriger Ausgangsbedingungen haben viele von ihnen wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich bedeutende Beiträge geleistet und das Gemeinwesen nachhaltig gestärkt. Diese Leistungen verdienen nicht nur Anerkennung, sondern vor allem verlässlichen Schutz durch den Staat.
Umso gravierender ist es, wenn Antisemitismus diese Integrationsprozesse untergräbt. Die Folgen sind bereits sichtbar: Die andauernde Belastung führt zu wachsender Resignation. Nur noch 13 Prozent der jüdischen Gemeinden schätzen die Zukunft für jüdisches Leben in Deutschland positiv ein.
Josef Schuster warnt eindringlich: „Die Ergebnisse dieser repräsentativen Erhebung unter den Jüdischen Gemeinden in Deutschland müssen für Entscheidungsträger und die Gesellschaft gleichermaßen Alarmsignal und Ansporn sein. Der Judenhass hat sich in Deutschland normalisiert und nur enorme Kraftanstrengungen können diesen Trend umkehren. In der jüdischen Gemeinschaft schwindet das Vertrauen in diese Trendumkehr zusehends.“ Eine wehrhafte Demokratie darf sich mit dieser Entwicklung nicht abfinden. Der Einsatz gegen Antisemitismus ist kein Nebenfeld politischer Arbeit, sondern ein Lackmustest für die Glaubwürdigkeit staatlichen Handelns. Er verlangt eine klare Haltung und entschlossenes Vorgehen auf allen Ebenen: in der Bildungspolitik, in der Inneren Sicherheit, in der Justiz und in der Zivilgesellschaft. Dazu gehören politische Bildung, der konsequente Schutz jüdischer Einrichtungen sowie die konsequente Verfolgung antisemitischer Straftaten.
Darüber hinaus ist der Kampf gegen Antisemitismus untrennbar mit der Stärkung der demokratischen Kultur verbunden. Antisemitismus wirkt als Katalysator für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und gefährdet die offene Gesellschaft insgesamt. Kurz gesagt: Der Schutz jüdischen Lebens ist kein Minderheitsthema, sondern eine staatliche und gesellschaftliche Kernverpflichtung. Er ist ein Gradmesser für die Stabilität und Wehrhaftigkeit unserer Demokratie. Antisemitismus war schon immer ein Frühwarnsystem. Wo er wächst, sind Freiheit, Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit in Gefahr. Daraus folgt ein klarer politischer Auftrag: Antisemitismus muss entschlossen bekämpft werden – präventiv, repressiv und dauerhaft. Es ist eine gemeinsame Verantwortung von Staat und Gesellschaft, die Wehrhaftigkeit der Demokratie zu sichern und jüdisches Leben in Deutschland wirksam zu schützen.
Kiel, 5. Mai 2026
Viktoria Ladyshenski (Geschäftsführerin)
WALTER JOSHUA PANNBACKER – BEAUFTRAGTER GEGEN ANTISEMITISMUS LANDESVERBAND DER JÜDISCHEN GEMEINDEN VON SCHLESWIG-HOLSTEIN K.D.Ö.R.
Die im Jahresbericht dokumentierten antisemitischen Vorfälle im Jahr 2025 zeigen gegenüber dem Vorjahr zwar einen Rückgang, dennoch bleibt das Niveau gemeldeter antisemitischer Delikte in Schleswig-Holstein mit statistisch einem bis zwei Vorfällen täglich (!) weiterhin besorgniserregend hoch. Insbesondere Bedrohungen und Angriffe bewegen sich nach wie vor auf einem hohen Niveau und verdeutlichen, dass Jüdinnen und Juden auch im Jahr 2025 in ihrem Alltag erheblichen Belastungen ausgesetzt sind.
Die relativ geringe Zahl an Vorfällen, die direkt aus der jüdischen Gemeinschaft gemeldet wurden, darf keinesfalls als Hinweis auf eine geringere Betroffenheit missverstanden werden. Vielmehr wird in persönlichen Gesprächen von einer hohen Dichte antisemitischer Erfahrungen im Alltag berichtet. Für zahlreiche Jüdinnen und Juden, die sich öffentlich als solche zu erkennen geben, gehören Anfeindungen, Beleidigungen oder bedrohliche Situationen inzwischen zu einer dauerhaften Realität, die sich mit alltäglichen Ängsten vermischt und häufig gar nicht mehr einzeln dokumentiert oder gemeldet wird. Hinzu kommen der Wunsch, nicht dauerhaft als „Opfer“ wahrgenommen zu werden, sowie ein nachvollziehbarer Selbstschutz nach belastenden Vorfällen.
Weiterhin werden antisemitische Vorfälle oft nicht bei der Polizei angezeigt. Gründe hierfür sind unter anderem ein teilweise fehlendes Vertrauen in behördliche Abläufe sowie die Angst, durch eine Anzeige im Laufe eines Verfahrens gegenüber den Tätern exponiert zu werden. Auch die Sorge vor erneuter emotionaler Belastung oder Retraumatisierung im Rahmen eines Anzeigeverfahrens spielt eine Rolle. Das Dunkelfeld antisemitischer Vorfälle ist daher höchstwahrscheinlich sehr groß. Es gab Monate mit einer besonderen Häufung antisemitischer Vorfälle. Diese standen oftmals im Zusammenhang mit einseitiger Berichterstattung durch die Medien und dadurch verstärktem israelbezogenem Antisemitismus sowie einer Vielzahl antisemitischer Sticker und Schmierereien, insbesondere im Raum Kiel. Kiel bleibt weiterhin der Ort mit den meisten registrierten antisemitischen Vorfällen in Schleswig-Holstein. Dabei ereignen sich die Vorfälle an ganz unterschiedlichen Orten des öffentlichen Lebens – auf Straßen und Plätzen, im öffentlichen Nahverkehr, an Bildungseinrichtungen oder im digitalen Raum. Die Vielzahl und Alltäglichkeit dieser Vorfälle legen nahe, dass die tatsächliche Zahl antisemitischer Taten deutlich höher liegt als die dokumentierten Fälle vermuten lassen. Wie unter solchen Umständen freies und sichtbares jüdisches Leben stattfinden soll, ist mir ein Rätsel.
KONTAKTE ZU DEN O-TON GEBER*INNEN:
Verband Jüdischer Studierender Nord (VJSNord)
Ariella Haimhoff
E-Mail: ariella@vjsnord.de,
Junus Eliasberg
E-Mail: j.d.eliasberg@gmail.com
Jüdische Gemeinde Kiel e. V.
Walter Joshua Pannbacker, Beauftragter gegen Antisemitismus
Waitzstraße 43, 24105 Kiel
E-Mail: as-beauftragter@lvjgsh.de
Tel.: (04 31) 232 04 33
mobil: 01 76-511 575 87
Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein K.d.ö.R.
Viktoria Ladyshenski, Geschäftsführerin
E-Mail: gemeinschaft@jgkur.de
Beauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus des Landes Schleswig-Holstein
Dr. h.c. Gerhard Ulrich
Bei Presseanfragen: pressestelle@bimi.landsh.de
E-Mail: beauftragter@bimi.landsh.de